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Stellungnahme zu den Lehrplänen der Zweijährigen zur Prüfung der Fachschulreife führenden Berufsfachschulen

Stellungnahme des Berufsschullehrerverbandes - Fachbereich Hauswirtschaft, Pflege, Sozialpädagogik, Landwirtschaft (HPSL) zu den Lehrplänen der Zweijährigen zur Prüfung der Fachschulreife führenden Berufsfachschulen (Berufsfachliche und Berufspraktische Kompetenz - Profil „Hauswirtschaft und Ernährung“, Profil „Gesundheit und Pflege“) 

Die neuen Lehrpläne führen mit der Konzeption in Lernfeldern zu einem Paradigmenwechsel in der Ausbildung der Schülerinnen und Schüler in der 2BFH und 2BFP.  Im Vordergrund steht die zielgerichtete Hinführung zur Berufstätigkeit und zu einem Per-spektivwechsel vom Verbraucher zum Anbieter. Als zentrale Aufgaben im Profil  Ernäh-rung und Gesundheit werden „die Herstellung und das Angebot von Produkten und die Bereitstellung von Dienstleistungen bzw. die Versorgung von Personen“ gesehen. Im Profil Gesundheit und Pflege stehen „die Erhaltung, Förderung und Wiederherstellung der Gesundheit“ sowie „die Orientierung am gesunden, bedürftigen bzw. kranken Menschen“ im Vordergrund.

Es stellt sich die Frage, inwieweit der Perspektivwechsel der Lebenswirklichkeit von Schülerinnen und Schülern (unterhalb der Fachschulreife) entspricht. Diese sind vorwie-gend Verbraucher, und ein wichtiges pädagogisches Ziel der bisherigen schulischen Ausbildung war die Erziehung zum eigenverantwortlichen Leben. 

Es wird jetzt schon deutlich, dass die mit der Lernfeldkonzeption verbundene Umorientierung - wie schon im gewerblichen und kaufmännischen Bereich - bei allen Beteiligten erhebliche Kraftanstrengungen und Überzeugungsarbeit erfordert.

Der Umstieg erfordert die sofortige Bereitstellung entsprechender Unterstützungssysteme. Dringend notwendig sind überregionale und regionale Lehrerfortbildungen sowie die Bereitstellung von Handreichungen und Musterprüfungsaufgaben spätestens zum nächsten Schuljahr. Das den Lehrplänen zugrunde liegende Konzept einer inhaltlichen und personellen Verknüpfung bedeutet in der Praxis auch ei-nen erhöhten zusätzlichen Zeitaufwand für die Lehrerinnen und Lehrer, der die Gewährung von Anrechnungsstunden zum Ausgleich der erhöhten Belastung erfordert.

Das Ziel, dass möglichst wenig Lehrerinnen und Lehrer in der Berufspraktischen und Berufsfachlichen Kompetenz unterrichten sollen, erscheint angesichts der traditionelle Leh-rerausbildung (zwei Fächer!) wenig realistisch. Zu bedenken ist auch, dass die Schulen vor Ort die Lernfelder unter Berücksichtigung der personellen und räumlichen Ressourcen (z. B. Küchen, Fachräume…) stundenplantechnisch umsetzen müssen. Erfahrungen in anderen Schularten zeigen, dass dies  - wenn überhaupt - nur mit einem sehr großen zusätzlichen Aufwand möglich ist.

Eine weitere Schwierigkeit ist einerseits darin zu sehen, dass die inhaltliche Zuschneidung der Lernfelder insbesondere im Bereich der Berufsfachlichen Kompetenz vor Ort aufgrund der o.g. Bedingungen erfolgen muss, andererseits aber am Ende der Ausbil-dung eine zentrale Prüfung erfolgt. Gelöst werden könnte dieses Problem nur, wenn die Berufsfachliche Kompetenz nicht zentral geprüft wird.

Zweifel ergeben sich auch an der Aussagekraft von Zeugnisnoten, die nicht mehr Leistungen traditioneller Fächer bezeichnen, sondern Berufsfachliche und Berufspraktische Inhalte unter Oberbegriffen subsumieren, die von zukünftigen Arbeitgebern nur schwer oder gar nicht nachvollziehbar sind.

Die sachlogische und inhaltliche Zuordnung in einzelnen Lernfeldern erscheint nicht immer nachvollziehbar, die Benennung von Lernfeldern ist nicht immer stimmig.

Das Fach „Erziehungslehre“ gibt es nicht mehr,  bisherige Inhalt finden sich teilweise in den Lernfeldern 2 und 6.  Für die Ausbildung von Referendarinnen und Referendaren im Bereich der Sozialpädagogik war das Fach bisher eine Möglichkeit, die notwendige Unterrichtverpflichtung unterhalb der Fachschulreife zu erfüllen. 

Auf einzelne Kritikpunktpunkte sei  hier  noch besonders hingewiesen:

Lehrplan 2BFH:

• Kritisiert wird die Herausnahme des Faches „Chemie“, da chemisches Grundwis-sen in der Ernährungslehre und der Haushaltstechnologie benötigt.  Das Fach bil-dete auch eine gute Basis für die Schülerinnen und Schüler, die nach der Fach-schulreife in das Berufliche Gymnasium (besonders EG, BTG) wechselten.
• Mit dem neuen Lehrplan ist keine sachlogische Grundbildung im Bereich Ernäh-rungslehre mehr möglich.
• Mit der  Herausnahme von Datenverarbeitung werden moderne, für den heutigen Berufsalltag wichtige Technologien nicht mehr unterrichtet.
• Das Unterthema „Kommunikation“ in Lernfeld 1 gehört zum Fach Deutsch.
• Das Unterthema „Bewerbung“  in Lernfeld 6 wird im 2. Schuljahr zu spät behandelt und sollte schon im ersten Schuljahr unterrichtet werden.
• Das Thema „Wohnräume gestalten und erhalten“ (LF 7) enthält das Unterthema „Störungen bei der Erfüllung von Kauf- und Mietverträgen“, welches sachlogisch und inhaltlich eher  LF 5 („Verbraucherbewusstsein entwickeln und Verantwortung übernehmen“) zugeordnet werden sollte.
 
Lehrplan 2BFP:

• Ernährungslehre ist nur noch in stark verkürzter Stundenzahl vertreten. Gerade in Gesundheitsberufen, auf die die 2BFP vorbereitet,  ist das Ernährungswissen als wesentlicher Bestandteil einer gesunderhaltenden Lebensweise notwendig.  Die Kürzung steht auch konträr zu den Forderungen in unserer Gesellschaft, der zunehmenden Adipositas bei Kindern und Jugendlichen entsprechend aufklärend zu begegnen.
• Inkonsistenzen: In Lernfeld  1 (1. Jahr):  Mit dem Thema  „Grundlagen der Textverarbeitung“ soll das Unterthema „Bewerbungsschreiben nach DIN 5008“ behan-delt werden, das Thema „Elemente des Geschäftsbriefes“ (z.B. Absender, An-schrift) wird aber erst im LF 9 (2. Jahr) vermittelt. Im Lernfeld 7 wird im Thema „Lebensmittel beschaffen und Nährstoffe physiologisch verwerten“ als Inhalt auch „Marktmodelle“ (z.B. „soziale und freie Marktwirtschaft“) aufgeführt.
• Der hohe Praxisanteil in der Pflege stellt die Schulen vor organisatorische Herausforderungen bei der praktischen Prüfung.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Einführung von Lernfeldern in den Lehrplänen der Zweijährigen zur Prüfung der Fachschulreife führenden Berufsfachschulen (Berufsfachliche und Berufspraktische Kompetenz, Profil „Hauswirtschaft und Ernährung“, Profil „Gesundheit und Pflege“) zu ähnlichen organisatorischen Herausforderungen führt, wie wir sie bei der Einführung der Lernfelder in der Berufsschule kennen.

Der Innovationsprozess in den Beruflichen Schulen hat sich in den letzten Jahren mit Neuordnungen von Schularten und neuen Lehrplänen stetig beschleunigt und Lehrerinnen und Lehrer an die Grenzen der Belastbarkeit geführt.

Geeignete Unterstützungssysteme und zeitliche Entlastungen in Form von Anrechnungsstunden sind dringend erforderlich, wenn der Paradigmenwechsel gelingen soll.

Bei der Umsetzung darf das pädagogische Element nicht zurücktreten. Nur wenn es gelingt, die Anordnung der fachlichen und überfachlichen Kompetenzen, ausgehend von der konkreten Lebenssituation der Schülerinnen und Schüler, am Prinzip der aufsteigen-den Spirale (vgl. Vorbemerkungen zum LP 2BFP) zu organisieren und Teamarbeit der Schülerinnen und Schüler mit entsprechenden Rückmeldungen und Reflexionen zu ver-binden (vgl. Vorbemerkungen zum LP 2BFH), werden wichtige Lernziele erreicht.

Offen bleibt zum jetzigen Zeitpunkt, wie die in den Lehrplänen formulieren Ansprüche und Ziele in der zukünftigen Zusammenarbeit mit der neuen Werkrealschule umgesetzt werden können.

Bernhard Arnold
Berufsschullehrerverband
Fachbereich Hauswirtschaft, Sozialpädagogik, Pflege, Landwirtschaft (HPSL)

Die Zweijährige Berufsfachschule

Die Zweijährige Berufsfachschule - mein Weg in die berufliche Zukunft

Denise Sindlinger - früher 2 BFH-Schülerin - heute Sozialpädagogin an der Mildred-Scheel-Schule Böblingen
Wie bist Du Deinen Weg gegangen?
Nach dem qualifizierten Bildungsabschluss habe ich mir bewusst die 2BFH ausgewählt, da mich die Fächer Chemie, Ernährungslehre und Hauswirtschaft besonders interessiert haben. Die Berufsfachschule habe ich mit der Mittleren Reife abgeschlossen und konnte im Ernährungswissenschaftlichen Gymnasium von den neu erworbenen Kenntnissen sofort profitieren. Mit dem Abitur in der Tasche verfolgte ich mein Ziel und wurde Sozialpädagogin.
Welche Erinnerungen werden wach beim Gedanken an die Zeit in der Zweijährigen Berufsfachschule?
Die ersten Eindrücke waren - eine neue Schule mit freundlichen und hilfsbereiten Lehrerinnen und Lehrern und gut ausgestatteten Fachräumen. Meine Freude an der Chemie wurde verstärkt durch anschauliche Versuche, deren Zusammenhänge uns von sehr kompetenten Lehrkräften erklärt wurden. Ganz neu war der umfangreiche Unterricht in Praxisfächern - das hat Spaß gemacht, ich habe viel gelernt und auch die Klassengemeinschaft wurde gestärkt. Besonders von den Fächern Nahrungszubereitung und Textilarbeit profitiere ich bis heute persönlich. Positiv habe ich auch die gezielte Vorbereitung auf die Bewerbung und das Berufsleben in Erinnerung.
Wie schätzt Du die Chancen der 2 BF-Schülerinnen und Schüler heute ein?
Die Schülerinnen und Schüler starten in der beruflichen Schule einen Neuanfang. Durch den Schulwechsel lösen sich in vielen Fällen alte Probleme, z. B. im Bereich Verhaltensauffälligkeiten oder Mobbing. Dennoch ist die Motivation in diesem Alter immer wieder ein Problem. Ich denke, dass besonders die Praxisfächer Erfolgserlebnisse mit sich bringen und die Motivationslage deutlich verbessern.
Die zwei Jahre sind eine sehr sinnvolle Investition in die Zukunft. Die Schüler/innen brauchen die Zeit, um sich die notwendigen Kenntnisse für den Abschluss anzueignen und auch für die Entscheidung, in welche Richtung es weiter gehen soll. Dabei helfen auch viele Zusatzangebote und Projekte.
Die Absolventen der Zweijährigen Berufsfachschulen haben in der Regel im Vergleich zu den Werkrealschülern sowohl beim Übergang in eine Ausbildung, als auch für den Einstieg in das berufliche Gymnasium die besseren Voraussetzungen.

Fazit:

Wichtig finde ich, dass alle Schüler/innen mit Hauptschulabschluss erfahren, dass die Zweijährigen Berufsfachschulen eine Alternative zur Werkrealschule darstellen. Sie bekommen in Zweijährigen Berufsfachschulen eine sehr gute Chance und für ihre beruflich und private Zukunft in vielfacher Hinsicht Anregungen und umfangreiche Unterstützung.

Für das Interview bedankt sich Sophia Guter (BLV-Referat HPSL).

1-JÄHRIGE BERUFSFACHSCHULEN

Gewerbliche Berufsfachschule für

  • Bauzeichner
  • Glaser
  • Informationselektroniker
  • Metalltechnik
  • Elektrotechnik
  • Bautechnik
  • Holztechnik
  • Textilindustrie
  • Druck- und Medientechnik
  • Farbtechnik
  • Körperpflege
  • Ernährung und Hauswirtschaft (gewerbliche Berufe)

Hauswirtschaftliche Berufsfachschule für

  • Hauswirtschaft

2-JÄHRIGE ZUR FACHSCHULREIFE FÜHRENDE BERUFSFACHSCHULEN

Gewerblich-technischer Bereich

  • Metalltechnik
  • Elektrotechnik
  • Bautechnik
  • Holztechnik
  • Textiltechnik
  • Labortechnik

Kaufmännischer Bereich (Wirtschaftsschule)

Berufsfachschule des Bereichs Ernährung und Gesundheit mit den Profilen

  • Hauswirtschaft und Ernährung
  • Ernährung und Gastronomie
  • Gesundheit und Pflege
  • Labortechnik

SONSTIGE BERUFSFACHSCHULEN

  • BFS für Uhrmacher (3-jährig)
  • BFS für Feinmechanik und Elektrotechnik (3-jährig)
  • BFS für Goldschmiede
  • BFS für Bürotechnik (2-jährig)
  • BFS für Sozialpflege
  • BFS für Kinderpflege (2-jährig + 1 Jahr Berufspraktikum)
  • BFS für Altenpflege (3-jährig)
  • BFS für Haus- und Familienpflege (2-jährig + 1 Jahr Berufspraktikum)